Die Ehrenvorsitzende des Kongresses "Medizin und Gewissen" 1996
Alice von Platen

Eine Frau, die das Schweigen gebrochen hat

Von Dr. Helmut Sörgel

Bei unserem Kongress „Medizin und Gewissen - 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess“, der im Oktober 1996 in Nürnberg stattfand, schätzten wir uns glücklich, Frau Ricciardi-von Platen als Präsidentin zu haben.

Sie entstammt dem Hannoverschen Adelsgeschlecht Platen-Hallermund und ist mit dem Ansbacher Dichter August Graf von Platen verwandt. Ihr Vater war Großgrundbesitzer und verkehrte mit Sozialisten. Sie studierte Medizin in Heidelberg und ließ sich zur Psychiaterin ausbilden. Während des Krieges war sie Landärztin in Österreich, wo sie mit der Euthanasie-Aktion konfrontiert war, aber nur wenige Patienten retten konnte. Danach kam die Psychotherapie-Ausbildung in Heidelberg bei dem Psychosomatik-Professor Viktor von Weizsäcker, auf dessen Vermittlung hin sie 1946 von Dr. Alexander Mitscherlich in die Beobachterkommission zum Nürnberger Ärzteprozess berufen wurde.

Alice von Platen berichtet hierzu: „Als 1946 bekannt wurde, dass die amerikanische Militärregierung beabsichtigte, die in aufgefundenen Dokumenten bezeugten unmenschlichen Menschenversuche und den Tod von etwa 100 000 Geisteskranken gerichtlich zu verfolgen und die dafür verantwortlichen Ärzte zur Rechenschaft zu ziehen, war beschlossen worden, eine Beobachterkommission der westdeutschen Ärztekammern nach Nürnberg zu schicken und mit ihrer Leitung den Privatdozenten Alexander Mitscherlich aus Heidelberg zu beauftragen.

Nach langen Verhandlungen wurde damals für die als wichtig erkannte Aufgabe eine sechs köpfige Kommission zusammengestellt, die ausführliche Berichte verfassen sollte. Die Begeisterung der Auftraggeber, aber auch anderer Mitglieder der Kommission, kann nicht sehr groß gewesen sein. Drei der ernannten Mitglieder tauchten lediglich am Anfang unserer Tätigkeit und dann nur noch selten auf. Übrig blieben Dr. Mitscherlich als Leiter, der Medizinstudent Fred Mielke und ich.

Es stellte sich bald heraus, dass in Wirklichkeit große Widerstände, besonders bei den westdeutschen Ärztekammern und bekannten Medizinprofessoren, gegen unsere Kommission und besonders gegen Dr. Mitscherlich, einen bekannten Widerständler, vorherrschten. Die Ablehnung der Ärzteschaft war verständlich – war doch die Hälfte der deutschen Ärzte bis 1945 Mitglied der NSDAP, eine viel höhere Prozentzahl als in anderen staatsnahen Berufen. Von den jüngeren 'Ärzten waren viele in der SS gewesen.

Wir kamen also im Dezember 1946 im zerbombten, kalten Nürnberg an und wurden im Gasthaus „Zum Schlachthof“ im Stadtteil St. Leonhard untergebracht – ein düsterer Ort in einer düsteren Umgebung - und mit handfestem Abendbrot versorgt. Da wir oft nur zu zweit waren, hatten wir genug zu tun: Am Morgen wohnten wir den Gerichtsverhandlungen auf der Empore des Schwurgerichtssaals 600 im Nürnberger Justizgebäude bei. Abends arbeiteten wir unter ungünstigen Bedingungen an den Berichten und Dokumenten. Da wir keine geheizten Arbeitsräume hatten, musste wir in der Gaststätte arbeiten.

Anklage und Verteidigung besprachen meist völlig emotionslos die vorgelegten Dokumente. Auch die Aussage der Angeklagten und Zeugen, die uns besonders aufrüttelten, nahmen die überaus fairen Richter ruhig entgegen. Wir dagegen waren von den täglich auf uns eindringenden Beschreibungen von medizinischen Verbrechen so erschüttert, dass es uns noch Stunden später schwer fiel, objektiv über die Geschehnis se zu berichten. Von Zeit zu Zeit überkam mich eine Art Scham für die deutsche Medizin. Wir fühlten uns völlig isoliert von Deutschen und Amerikanern. Wir waren aber auch nicht in der Stimmung, Kontakte zu suchen. Die Amerikaner waren misstrauisch zu uns, da sie Goebbels glaubten mit seiner Behauptung, dass alle Deutschen Nazis seien.

Später vertrauten sie uns mehr. Die Nürnberger Bevölkerung wollte vom Ärzteprozess nichts wissen mit der Begründung, dass doch die Ärzte keine Verbrechen begangen hätten. Es bestand ein Hass auf die Nicht-Nazis, die Sozialisten und Exilanten. Es gab keine Anzeichen für eine Stunde Null. Es war niederschmetternd.“

Mitscherlich, Mielke und von Platen betrachteten ihre Kommissionsarbeit als eine sehr lohnende Aufgabe. Die drei Standhaften waren sich über ihre Ziele einig: „Wir wollten berichten, wir wollten die ganze Ärzteschaft Deutschlands aufklären über das, was passiert ist. Wir haben das als ausgesprochen moralische und politische Aufgabe verstanden“, betont Frau von Platen.

Jedoch wurde die Beobachtergruppe bald schwer enttäuscht, da alle von ihr angebotenen Berichte, Dokumentationen und Artikel von der medizinischen Fachpresse nicht angenommen wurden. Die gesamte deutsche Presse veröffentliche nichts über den Prozess. Im ersten Halbjahr 1947 veröffentlichte die Beobachtergruppe zwei Dokumentationsbände über die Menschenversuche in den Konzentrationslagern: „Wissenschaft ohne Menschlichkeit“ und „Das Diktat der Menschenverachtung“.

Nüchtern, eher Chronisten als Ankläger, hielten die Autoren das Ungeheuerliche für die Nachwelt fest. Beide Bände wurden in einer hohen Auflage gedruckt – aber nicht verteilt. Sie kamen nicht in den Buchhandel und wurden wahrscheinlich eingestampft. „Kein Mensch weiß, was damit geschehen ist“, wundert sich Frau von Platen noch heute. Die Veröffentlichung stieß auf den erbitterten Widerstand der deutschen Ärzteschaft, allen voran Prof. Ferdinand Sauerbruch und Prof. Hermann Rein, die im „Diktat der Menschenverachtung“ eine pure Verleumdung sahen und ungehalten waren über den „unbotmäßigen Privatdozenten“ Mitscherlich, der dann auch mit Prozessen überhäuft wurde. Hierzu schrieb Mitscherlich verbittert, dass es so empfunden wurde, als ob die Veröffentlichung jener Dokumente über die Verbrechen deutscher Ärzte die eigentlich ehrenrührige Tat gewesen sei und nicht die Verübung dessen, was diese Dokumente widerspiegeln.

Während Mitscherlichs Augenmerk vor allem auf dem Menschenversuchen und auf rechtlich-politischen Fragen des Prozesses lag, befasste sich Alice von Platen besonders mit den Euthanasieverbrechen, da sie während ihrer Tätigkeit als praktische Ärztin unmittelbar damit konfrontiert war. Sie empfand das Hinmorden psychisch kranker Menschen als Ausdruck einer Systemkriminalität, in der die Psychiatrie tief verstrickt war und von der die gesamte deutsche Ärzteschaft gewusst hatte.

Der Begriff „Euthanasie“ diente als Deckbezeichnung für das Töten von Menschen, die auf dem Weg zum Endsieg nur Ballast waren und die nicht in das Bild einer durch Kampf gestählten Rasse passten. Ihr Interesse galt dem Aufbau der Tötungsorganisation, dem Schicksal der Opfer, aber auch dem Widerstand gegen die Euthanasie von Seiten der Angehörigen und des medizinischen Personals. Ihre Kenntnis se von der Beobachterkommission erweiterte sie um die Beobachtung, die sie selbst bei dem Hadamar-Prozess in Frankfurt, der 1947 vor einem deutschen Gericht stattfand, gemacht hatte.

Bei dieser Arbeit wurde sie tatkräftig von Dr. Eugen Kogon unterstützt, der ein Häftling in Buchenwald war und in Nürnberg als Zeuge der Anklage für die Fleckfieberversuche geladen war. Im Juli 1948 konnte dann Frau von Platen im Verlag der Frankfurter Hefte die erste und Epoche machende Dokumentation über die Euthanasie veröffentlichen unter dem Titel „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“. Sie wurde damit zu einer mutigen Aufklärerin wider das Vergessen und Verleugnen.

Im Vorwort ihres Buches schreibt Alice von Platen: „Anhand der Darstellung der sogenannten Euthanasie-Aktion in einem kleinen Kreis, nämlich den Hessisch-Nassauischen Anstalten Hadamar, Eichberg und Kalmenhof, sowie auf Grund zahlreicher Dokumente aus dem Nürnberger Prozess vor dem amerikanischen Militärgericht sollte hier aufgezeigt werden, welche geistigen Voraussetzungen zu den Tötungen Geisteskranker im nationalsozialistischen Deutschland führten und wie sich die Prinzipien des Dritten Reichs auf dem Gebiet der Irrenpflege durchsetzten.

Es lässt sich an diesem Teilgebiet des deutschen öffentlichen Lebens die nationalsozialistische Gedankenwelt und die Verwirklichung der Ideen Hitlers zeigen, so, wie sie in das innerste Leben und die Rechte Einzelner eingriffen und es umgestalten wollten. Es sollen auch die verschiedenartigsten Strömungen in der Partei und der SS, die Verschiedenheit der Auffassungen der „Idealisten“, die aus Mitleid töteten, der fanatischen Rassenhygieniker und der Parteigewaltigen mit ihrem Vernichtungswillen berührt werden.“

Und an anderer Stelle: „So lange Menschen leben, wird nur ein Teil von ihnen der Norm eines Durchschnittsmenschen entsprechen; doch wäre das Leben farblos und wir arm an Kenntnis und Wissen über den Menschen und sein Sein, wenn wir zuließen, dass die „Abnormen“ kurzerhand beseitigt würden. Gerade Geisteskranke mit der Fülle ihrer Visionen und inneren Bilder stellen uns mitten in die Problematik des Mensch seins; gerade dem Geisteskranken sollte unsere Ehrfurcht und Liebe gelten, ist er doch in besonderer Weise hilflos den Dämonen preisgegeben und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen – wenn auch den „Göttern“ näher.“

Auch das Schicksal dieses Buches war rasch besiegelt: Die dreitausend Exemplare wurden sehr schnell eingezogen, etwa zwanzig Exemplare überdauerten in Bibliotheken.

Wie ging es mit Alice von Platen weiter? Sie fand 1947 eine Anstellung als Assistenzärztin in der Nervenklinik St. Getreu in Bamberg. Deren Chefarzt Prof. Zillich, ein Freund der Psychotherapie, der Psychoanalyse, der Literatur und Musik, förderte sie sehr. Sie genoss die menschliche Atmosphäre in der Klinik, wo viel diskutiert wurde, und fühlte sich im freundliche Klima der Stadt sehr wohl. Prof. Zillich schickte sie 1949 zu einer psychoanalytischen Weiterbildung nach London. Von dort sollte sie als seine Assistenzärztin nach Würzburg zurückkommen, denn er hatte schon seine Ernennung zum leitenden Psychiater der Universität in der Tasche. Tragischerweise verunglückte er tödlich bei einem Autounfall.

So blieb sie bis Mitte der sechziger Jahre in London, machte eine analytische Ausbildung sowie eine spezielle Ausbildung zur analytischen Gruppentherapeutin. Sie lernte ihren italienischen Mann kennen und ließ sich nach einigen Jahren der Wanderschaft in Brüssel und in Tripolis etwa 1970 endgültig in Rom nieder.

Seitdem betreibt sie eine Praxis für Psychotherapie in Rom und später auch in Cortona in der Toskana. Sie entfaltete eine fruchtbare Tätigkeit auf dem Gebiet der Gruppentherapie: Sie war die erste Gruppenanalytikerin in Italien, war Initiatorin von Großgruppen und Mitbegründerin der internationalen Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse in Altausee in Österreich 1975, wo seitdem zweimal rennomierte Fortbildungskurse für Gruppentherapie stattfinden.

Alice Ricciari-von Platen hat in Italien ihre Heimat gefunden. Sie liebt das Land und die Leute. Sie schätzt das menschliche und politisch tolerante Klima: „Eine Euthanasie hätte es in Italien nie gegeben.“

Bei unserem Nürnberger Kongress „Medizin und Gewissen“ waren wir beeindruckt, dass wir nach dem beharrlichen Schweigen unserer Elten- und Großelterngenerationen über die nationalsozialistische Vergangenheit in Alice Ricciardi-von Platen eine Vertreterin dieser Generation bei uns hatten, die nicht geschwiegen hat und die uns bereitwillig Auskunft gegeben hat über die verbrecherischen Verstrickungen der Medizin. Damit hat sie ein Band geknüpft zwischen den beiden Nachkriegsgenerationen.

Ihr Buch „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“ wurde von dem Sozialpsychiater Prof. Klaus Dörner wiederentdeckt. Es erschien 1993 als Reprint im Psychiatrie-Verlag und erneut 2005 im Mabuse-Verlag, eine italienische und eine englische Ausgabe sind inzwischen herausgekommen. Durch den Nürnberger Kongress kam Frau Ricciardi-von Platen wieder aus der „medizingeschichtlichen Versenkung“ heraus. Sie wurde in Europa zu Vorträgen, Seminaren und Diskussionen eingeladen. Mit Genugtuung hat sie auch eine späte gesellschaftliche Anerkennung erfahren: Sie erhielt das große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik und wurde Ehrenbürgerin von Cortona.

In einem Nachruf auf den Nürnberger Kongress gab uns Alice Ricciardi-von Platen eine Empfehlung mit auf den Weg: „Nun, 50 Jahre später, können wir uns aus der historischen Distanz den aufwühlenden Ereignis sen von damals nähern und Fragen an uns und die Zukunft der Medizin stellen. Fragen, die drängen beantwortet zu werden, damit nicht erneut eugenisches Gedankengut über das Schicksal des Individuums siegt. Hier sind wir zu mehr Wachsamkeit und zu sensiblem, zielgerichtetem Handeln aufgerufen.“