Uraufführung des Oratoriums KOHLENMONOXYD. NACHTSTÜCK

für zwei Soprane, Sprecher, Chor und Ensemble am 20. Oktober 2006

Musik: Karola Obermüller
Text: Gabriele Strassmann
Orchester: KlangKonzepteEnsemble der Neuen Pegnitzschäfer
Chor: Kantorei und Jazzchor Gostenhof
Musikalische Leitung: Christian Gabriel
Idee und Produktion: Dr. Helmut Sörgel
Künstlerische Gesamtleitung: Wilfried Krüger

Ein Auftragswerk der IPPNW Nürnberg


Anmerkungen einer Nürnberger Psychiaters zu „KOHLENMONOXYD. NACHTSTÜCK“

Als Bürger und als Ärzte Nürnbergs kann es uns nicht unberührt lassen, was vor 60 Jahren vor dem US-Amerikanischen Militärgericht im Rahmen des Ärzteprozesses im Schwurgerichtssaal 600 des Justizpalastes innerhalb der Mauern unserer Stadt verhandelt worden war.

Der Nürnberger Ärzteprozess wirft ein Licht auf die unsäglichen Taten der Ärztegeneration unserer Väter und Großväter. Er hat das Vertrauen in die Medizin als Hüterin der Menschenwürde erschüttert.

In Nürnberger Ärzteprozess wurde zum ersten Mal der Umfang der Verbrechen, die deutsche Ärzte an wehr- und hilflosen Menschen verübt hatten sowie die Reichweite der menschenverachtenden Mordtaten unwidersprechlich vor der Weltöffentlichkeit in ihren Umrissen sichtbar.

Sie wurden auch da sichtbar, wo die Verbrechen - weil von Deutschen an Deutschen verübt - nicht Gegenstand der Anklage des Amerikanischen Militärgerichtshofes waren, wie im Fall der „Euthanasie“-Aktion, durch die allein in ihrer offiziellen Zeit (1939-1941) über siebzigtausend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen von Ärzten heimtückisch und grausam ermordet wurden, durch die methodisch und organisatorisch der Genozid, der Holocaust, eingeübt wurde.

Die Hilfllosesten und Schwächsten der Gesellschaft wurden in furchtbarer Weise von denen verraten, die sich speziell zu ihrer Hilfe ausgebildet und verpflichtet hatten.

Es waren vor allem Psychiater, darunter die Elite der deutschen Psychiatrie, die bei ihren Patientinnen und Patienten lebenswertes von lebensunwertem Leben selektierten, die diesen in der Geschichte einzigartigen Massenmord planten und durchführten, die den Gashahn aufdrehten. makaber, dass bei diesen „Euthanasie-Ärzten“ das Vernichten zum integralen Bestandteil des Heilens gehörte.

In der Nachkriegszeit hat die deutsche Ärzteschaft den Nürnburger Ärzteprozess nicht als Chance begriffen, sich im Spiegel der Angeklagten, im Spiegel ihrer Taten im Nationalsozialismus selbst zu prüfen und sich selbst zu erkennen. Das hätte bedeutet, die eigenen Mittäterschaft, die Duldung und Zulassung des eigenen Unrechts und der Verbrechen einzugestehen und zu erkennen. Von einer solchen Wirkung kann keine Rede sein. An der Euthanasie beteiligte Professoren durften später weiterhin lehren und Ärzte weiterhin praktizieren.

Erst in der Studentenrevolte der sechziger Jahre und mit der Psychiatriebewegung der achziger Jahre wurde Licht in diese Finsternis gebracht.

Als ich kürzlich in der Gaskammer der Tötungsanstalt Hadamar stand, die wie ein banaler, heruntergekommener Duschraum ausschaut, überkam mich ein Schauder mit Herzrasen und Luftnot. Dieser Raum war die Endstation des psychiatrischen Berufsstandes, wo zehntausende Patientinnen und Patienten als „unnütze Ballastexistenzen“ im Kohlenmonoxyd-Inferno qualvoll verendeten.

Ihrer armen Seelen ist zu gedenken.

Ihnen setzte die Psychiaterin Dr. Alice Ricciardi von Platen bereits im Jahr 1948 ein bleibendes Denkmal mit der ersten und das Schweigen brechenden Dokumentation über die „Euthanasie“ unter dem Titel „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“.

Darin gibt sie in folgenden bewegenden Worten, den Ermordeten ihre Würde wieder zurück:

„Solange Menschen leben, wird nur ein Teil von ihnen der Norm eines Durchschnittsmenschen entsprechen. Doch wäre das Leben farblos und wir arm an Kenntnis und Wissen über den Menschen und sein Sein, wenn wir zuließen, dass die „Abnormen“ kurzerhand beseitigt würden. Gerade Geisteskranke mit der Fülle ihrer Visionen und inneren Bilder stellen uns mitten in die Problematik des Menschseins. Gerade dem Geisteskranken sollte unsere Ehrfurcht und Liebe gelten, ist er doch in besonderer Weise hilflos den Dämonen preisgegeben und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen - wenn auch den Göttern näher ...“.

In der Nacht der Aufführung von KOHLENMONOXYD. NACHTSTÜCK haben wir die geschundenen Patientinnen und Patienten in ihrer Todesstunde innerlich begleitet.

Ihrem Leiden, ihrer Seelenpein und unserem Entsetzen, unserer Trauer konnten wir mit Tönen und Klängen näher kommen dort, wo Worte versagen.

Dr. Helmut Sörgel